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«In Koexistenz» – Städtebaulicher Ideenwettbewerb, Bern

Die Stadt Bern sucht im offenen Wettbewerbsverfahren städtebauliche Ideen für die Bebauung des ehemaligen Gaswerkareales. Im heute grösstenteils brachliegenden Gelände soll urban durchmischter, preiswerter Wohnraum an bester Lage entstehen.

Widersprüchlich dazu, will der Gesetzesartikel 72ff. der Berner Bauordnung, die Qualitäten «Zur Erhaltung der besonderen Schönheit der kleinmassstäblich überbauten und stark durchgrünten Aaretalhänge, das Aaretal mit seinen Gründräumen und der dörflichen Bebauungsstruktur...» schützen.

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Wie könnte eine dörfliche, kleinmassstäbliche Struktur, erbaut zu Beginn des 21. Jahrhundert aussehen? Wie werden planerische Voraussetzungen für ein dörfliches Stück Stadt geschaffen, dass sich nicht als neue Siedlung vom gewachsenen abhebt – sondern in seinen Kontext eingebettet – aus ihm herauswächst?

Das Projekt «In Koexistenz» ist ein Versuch, mittels 10-teiligem Manifest eine reale Utopie als Berner Alternative zur Gegenwärtigen Stadtenwicklung aufzuzeigen.

1. Lernen vom zähringischen Stadtverständnis – Vom 12. ins 21. Jahrhundert

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© Studie Bern, ETH Zürich, Prof. Paul Hofer

Von der Aare geformt, bot der vom Flusstal geschützte Geländesporn im Mittelalter ideale Voraussetzungen für die Berner Stadtgründung. Sie steht heute als Weltkulturerbe unter Schutz. An die Topografie angepasst, bauten die Zähringer mit Hilfe des Hofstättensystems, bestehend aus «Area und «Casale» ein dichtes Habitat für die Bewohner. Im Zusammenspiel von Areae – als städtebauliches Ordnungsinstrument – und der Casale (Parzelle) – als variable zur Festlegung der Eigentumsverhältnisse – entstand eine Anhäufung von Fast-Gleichem. Das städtische Raumkontinuum gewann eine identitätsstiftende Kraft.

Die Neuinterpretation des Hofstättensystems

Südlich der Monbijoubrücke wird die Schwemmebene in vierzehn Areae aufgeteilt. Jede Areae schliesst mit Ihren zwei Kopfbauten den Stadtkörper zum Grünraum Aare, rsp. Aaretalhang ab. Dazwischen spannt ein Garten intimeren Charakters mit dazugehörigem Weg. Der Nutzung entsprechend wird die Areae in eine variable Anzahl Casale aufgeteilt. Die grösse der Parzellen innerhalb dieses Systems reagieren auf bestehende Bauten und Grünräume.

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Für die heterogene, dörfliche Entwicklung ist eine heterogene Eigentümerschaft wichtig. Als Hauptinteressent, gibt die Stadt Bern sämtliche Parzellen (Casale) im Baurecht ab, an unterschiedlichste Nutzer und Akteure.

 

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2. Das Potential der Topografie nutzen

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Bestehende Sandrainstrasse

Neue Sandrainstrasse rsp. Gaswerkstrasse

 

Die Verschiebung der Sandrainstrasse bindet die Strasse in den Perimeter ein und legt den natürlich entstandenen Hangfuss frei. Ein vielfältig nutzbarer Grünraum mit Potential für die umliegenden Quartiere entsteht. Die neue Gaswerkstrasse nimmt als «Boulevard» eine wichtige Funktion im neuen Quartier ein. Sie verbindet den Grünraum «Aaretalhang» mit dem neu entstehenden Habitat; an dessen Westfront ein lieblicher Ort zum Verweilen in der Abendsonne entsteht.

 

Die Verbindung zwischen der Stadtebene und der Flussebene wird über den freigelegten Hang am Sandrain erlebbar, die Topographie verständlich. Treppen und Wege führen in den Grüngürtel und durch das Quartier – wie überall in Bern – an die Aare.

3. Respektieren, was da ist

 

Die Identität eines Ortes hat mit Wahrnehmungen, mit Erlebnissen, mit Liebe, mit Bildung, mit dem Verständnis für das Gewordene und mit Bildern des Werdenden zu tun.

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Im Rücken des Kopfbaus versteckt, bieter der «Kessel» als Ort für Jugendliche den gewünschte Freiraum. Die Nutzung in den angrenzenden Areae bezieht sich auf ein Publikum, welches diese Atmösphäre bezüglich Lärm und Nutzung respektieret. Nördlich des Kessels ersetzt eine grün bewachsene Stahlstruktur die bestehende Gehölzgruppe. Über den Kuppeln wird ein Raum erfahrbar, der von den Jugendlichen partizipativ mitgestaltet wird.

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4. Leere und Zweckfreie Räume schaffen

 

Die Stadt verliert mit der Bebauung des Gaswerkareals ein wertvolles Stück städtischen Freiraums. Eine fortwährende Transformation «unfertiger» öffentlicher Räume ist darum integrativer Bestandteil der neuen lokalen Lebenskultur im Quartier und wichtig für die Stadt als Ganzes.

Der freigelegte Grünraum am Hangfuss des Aaretals ist ein grosser solcher Freiraum. Er wird gefüllt mit Leben und Projekten der StadtbernerInnen.

 

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5. Eine Adresse, die Zugehörigkeit schafft.

 

In dörflichem Stile schafft das neue Quartier eine Vielzahl von Abstufungen zwischen den Polen des Öffentlichen und des Privaten. Das Intime kokketiert mit dem gemeinschaftlich Lebendigen über die Gebäudeecke der Kopfbauten. Mit der Erdgeschossnutzung in den Kopfbauten wird der Übergang der Areae vom öffentlichen Boulevard zum Hof gestaltet und gesteuert. Die Engstelle markiert dabei in jedem Fall den Eingang in das Eigene jener, die hier zuhause sind.

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Wenn es dem privaten Raum gelingt, Intimität zu schaffen, werden Nachbarschaft und Nähe eine Quelle des Wohlbefindens. Gartenflächen südlich der Häuser bieten Raum zur Aneignung im Halbprivaten. Orte der Anteilnahme und Begegnung im Hof. Auf den Wegen spielen Kinder. Die Gestaltung der Höfe und Zwischenräume ist darauf ausgerichtet, Gemeinschaft entstehen zu lassen.

 

Das neue Quartier besteht aus einer Vielzahl von Häusern mit individueller Gestalt und einer eindeutigen Adresse. Jedes Haus hat einen Briefkasten am Weg und eine eigene Vorzone. Inhalt und Gestalt der Häuser interessieren immer im Zusammenhang mit dem Ganzen. Themen der Architektur wie Öffnung, Wand und Schwelle gewinnen an Bedeutung.

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6. Die lokale Gemeinschaft versammeln

 

Im südlichen Teil des Quartiers ist die Gebäudestruktur der Gasabnahmestation des ehemaligen Gaswerks nach einer sanften Transformation idealer Ort für den Quartiertreffpunkt. Eine Feuerstelle am Kamin lässt spontane Versammlungen zu. Unter der Monbijoubrücke ensteht ein überdachter Raum mit unterscheidlichen Nutzungen.

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7. Bewusstsein, Nachhaltigkeit und Baukultur fördern

 

Die Stadt Bern will mit dem Quartier auf der Gaswerkbrache einen bewussten Beitrag zum Umgang mit den Ressourcen der Umwelt, Themen der Nachhaltigkeit und der Verdichtung leisten. Das Grundgerüst des Quartiers ermöglicht eine ganzheitliche Suche nach Antworten auf die Fragen der Zukunft. Bauliche Massnahmen werden aufwändigen technischen Massnahmen vorgezogen. Wo möglich gilt: Low-Tech statt High-Tech. Die Architektur schafft mit den Grundgesetzen der Physik eine Umgebung, in der die Menschen wieder mehr Verantwortung für Ihre Umwelt übernehmen dürfen.

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8. Transformation als Chance

 

In vierzehn Areae aufgeteilt, wächst das Quartier heterogen in die kommenden Jahrzehnte – Areae um Areae. Unbebaute Areae werden von der Stadt als Freiraumfläche mit Brachencharakter für sinnstiftende Projekte freigegeben. Die Geschwindigkeit des Wachstums ist variabel und steuerbar, sie passt sich an ökonomische und gesellschaftliche Veränderungen an und ermöglicht das Lernen vom Prozess.

 

 

 

9. Vernetzung der Naturräume – Waldrand, Hangfuss – Quartier – Aareufer

Im neu entstehenden Grünraum ‘Waldrand’ anstelle der bestehenden Sandrainstrasse entsteht ein Paradies für Ruderal- und Trittflurvegetation. Gruppen von Schwarzdorn- und Sanddornsträuchern ergänzen die sonst eher waldrandähnliche Bepflanzung und erhöhen somit den Dornanteil. Frei werdener Raum bietet Platz für Nutzgärten, Insekten (Quartierbienen und andere) und artenreiche Blumenwiesen.

Der Grünraum ‘Quartier’ mit den bunt ausgestalteten Aussenräume der neuen Bauten bieten mit den Gartenräumen den vernetzenden und einen idealen Lebensraum für Igel, Vögel, Reptilien und andere Kleintiere. Im Garten ist Potenzial für Brunnen, kleine stehende Gewässer und feuchte Trittflure. Der an das Aare-Ufer angrenzende Grünraum bleibt im heutigen Bestand.

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10. Sozialräumliche Diversität entsteht durch Resonanz

 

Der Stadtkörper schafft durch seine Einbettung am Ort unterschiedlich starke Resonanzen. Der Gaskessel, das Werkstattgebäude und andere, unauffälligere Bauten erzählen von den industriellen Infrastrukturen. Vom Ort, der einst die Stadt Bern mit Energie versorgte. Unter der Monbijoubrücke locken ganzjährig geschützte Aufenthalts- und Spielräume von grossstädtischer Qualität und im Aareraum eine Freizeitlandschaft mit internationaler Ausstrahlung.

 

Die soziale Qualität des öffentlichen Raumes lebt und atmet von der Spannung schwer zu planender Elemente. Sie beruht auf der Vielfalt an spezifischen Situationen, Eigenschaften, Nischen und Angeboten zur Aneignung. Schnittstellen und Übergängen. Lokale ausprägungen werden zu attraktiven Orten, Bedürfnisse entstehen erst mit der Zeit. Ebenso wichtig sind Bruchstellen und Behelfsmässiges. Solche Elemente zu bauen ist besonders schwierig, da niemand sie finanzieren will. In Altbauten und Denkmälern können sie vorhanden sein und sollten zutage gefördert werden.

 

Durchmischung

Soziale Qualität entseht durch die Durchmischung des Wohnungsangebots – hinsichtlich des Ausstattungsstandards, der Grösse und des Preises. Je vielfältiger dieses Angebot, umso vielfältiger die Altersklassen und Arbeitsgewohnheiten. Einen besonderen Beitrag zur Diversität geht von den Ältesten und den Jüngsten aus. Entsprechende Infrastrukturen im Quartier sind insofern vorzusehen, als geeignete Situationen geschaffen werden.

 

46°56'17.6"N 7°26'33.0"E

Ort: Gaswerkareal Stadt Bern, Schweiz

Typ: offener städtebaulicher Ideenwettbewerb

Auftraggeber:

Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik der Stadt Bern,

Immobilien Stadt Bern

 

Wettbewerb: offener Wettbewerb 2021, 2. Rundgang

Mitarbeit: Nicola Toscano, Luca Affolter, Sandro Jenzer (Stadtentwicklung), Imogen Macpherson, Luana Stadtmann, Sarah Simon (Landschaftsarchitektur), Lorea Schönenberger

Im Diskurs mit: Christoph Schläppi, Martin Sturm & Simon Spring

Zeithorizont: 2021

Medienmitteilung Stadt Bern | November 2021 |

 

 

 

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